
Die Vorweihnachtszeit beginnt… die besinnlichen Wochen vor dem entspannten Festtag… das große Highlight zum Jahresende… Weihnachten steht zaghaft vor der Tür… in Wahrheit aber rauscht Weihnachten mit voller Wucht durch die Tür mitten ins Leben… den Alltag – und das immer so plötzlich… so ganz unerwartet… Gefühlt war eben noch Sommer und ich lag doch gerade noch am Strand, Palme links, Caipirinha rechts… weit weg von Spekulatius, Lichterketten, Zimtaroma gepaart mit Tannenduft und dem Geschenke-Wahnsinn für die Liebsten.
Für uns im Restaurant heißt diese Zeit dann: Volles Haus, jeder Winkel besetzt. Härteprüfung de Luxe. Nerven aus Stahl bilden, Laufmodus auf Highlevel umstellen und dem Gast genau diese entspannte Besinnlichkeit – bei einer kleinen Auszeit in unserem Haus bieten – um dem Weihnachtswahnsinn kurzzeitig zu entfliehen. So auch am heutigen Abend. Weihnachtsfeier im Garten mit 80 erwartungsvollen Firmenmitarbeitern…. bei Feuerschale, Lichterketten und Glühwein zum Empfang. Draußen ist es kalt genug und alles perfekt für einen „Hach, ist das ein gemütlich“-Moment. Für alle. Nur nicht für mich. Als Servicekraft erlebt man den Weihnachtszauber ja meistens von der falschen Seite der Glühweintasse. Ich stehe also mittendrin, fülle Becher auf, serviere Kekse und sehe dabei zu, wie die Gäste langsam von „frostig höflich“ zu „lustig gelöst“ wechseln. Sie stehen im Garten, lachen, glitzern, stoßen an, während ich liebevoll herum frage: „Noch einen Glühwein? Rot? Weiß? Mit Schuss? Ohne? Oder was Warmes… für die Hände?“ Und innerlich denke ich: JA. FÜR MICH. BITTE. Einen Eimer voll.
Denn Zeit hatte ich selber noch nicht für den ersten eigenen Glühwein… Ich verspreche mir: Nächstes Jahr werde ich mein Leben so organisieren, dass ich mal als Erste am Glühweinstand stehe… Aber heute? Heute stehe ich erstmal daneben. Service-Modus an. Fremd-Glühwein genießen verboten. Vielleicht war mein stiller Wunsch genau deshalb, dass ich nach Feierabend, halb erfroren, hochmotiviert war, ENDLICH meinen eigenen Glühwein zu holen. Mein allererster dieses Jahr. Nur für mich. Auf dem Weihnachtsmarkt. Ich wollte diesen Moment nach getaner Arbeit in aller Ruhe zelebrieren… schlendern, schnuppern, frieren, lächeln. Aber Schlendern? In Ruhe? Weihnachtsmarkt? Freitagabend? Ich hätte es wissen müssen.
Ich betrete den Markt, und sofort werde ich verschluckt: Ein Menschenpulk zwischen Steppjacke, Wintermantel und Punschschwaden. Jeder Schritt ein kleiner Kampf um Territorium. Einer rempelt mich an, ein anderer stößt an meinen Arm, jemand ruft „Sorry!“, ein anderer ruft „War nicht ich!“, und ich rufe innerlich: „ICH WILL NUR GLÜHWEIN!“
Also ab zur Hütte. Wie ein Zug im Bummeltempo schiebt sich die Menge vorwärts. Roter Glühwein, weißer Glühwein, heißer Apfel, Kinderpunsch, Schuss, Doppel-Schuss, kein Schuss… Ich stehe da und höre dem Standgespräch vor mir zu:
„Hast du weiß bestellt?“ „Nein, du hast weiß bestellt.“ „Ich dachte, du wolltest rot?“ „Ich wollte heiß. Die Farbe ist mir egal.“ Ja. Genau so wollte ich ihn auch. Heiß. Farbe egal. Hauptsache meiner.
Endlich bin ich dran, bestelle meinen weißen Glühwein und nehme den Becher entgegen. Der Moment! Mein erster Glühwein dieses Jahres! Ich halte ihn wie den heiligen Gral. Drehe mich um, setze ihn erwartungsvoll an… ups Jemand rempelt mich. Der Glühwein schwankt. Ich rette ihn. Der Nächste rempelt. Ich rette ihn wieder. Und plötzlich steht neben mir die fremde Frau, die ihren Glühwein zeitgleich mit mir bestellt hatte… schaut auf meinen Becher und sagt: „Oh, lecker! Weißer! Ich wollte ja einen roten … aber irgendwie schmeckt der heute so anders.“
Ich seufze tief. Ziehe meine Nase hoch. Nehme einen Schluck. Es ist ihr Roter. Natürlich. Natürlich habe ich nach einem ganzen Abend Glühwein servieren den falschen erwischt. Aber irgendwie egal. Er ist warm. Er ist süß. Er ist MEINER. Und genau da… zwischen Menschengewusel, weihnachtliches Chaos, Duftwolken und völlig wildfremden Menschen denke ich: Manchmal ist der Glühwein wie das Leben. Man bestellt weiß, man bekommt rot – und trotzdem wird’s warm ums Herz. Und selber genießen oder anderen den Genuss servieren… irgendwie ist beides auf seine Art besinnlich.