- Wenn der Kohl anfängt zu tanzen

Der Moment nach der Krönung des Kohlkönigspaares ist immer derselbe. Eben standen noch alle um die Kohlkönigspaare im Kreis herum, haben applaudiert, Fotos gemacht und der Königin manchmal vorsichtig die Krone wieder geradegerückt. Dann drückt der DJ auf das andere „Play“.
Und plötzlich ist die Tanzfläche voll.
Nicht so ein bisschen voll. Wirklich voll.
Als hätte jemand eine Tür geöffnet und alle Gäste gleichzeitig hineingeschoben. Eine Kohlfahrt hat nämlich ihre ganz eigene Tanzlogik. Das ist keine Hochzeit, kein Jubiläum und auch kein runder Geburtstag. Eine Kohlfahrt ist einfach eine Kohlfahrt. Und auf einer Kohlfahrt wird eigentlich jede Musik zur Schlagerbombe.
Es ist fast egal, was gespielt wird. Die ersten Takte laufen an, und plötzlich können alle den Text. Arme gehen hoch, jemand hüpft, irgendwo dreht sich ein Kreis aus Menschen, die sich gerade noch nicht kannten und jetzt brüder- oder schwesterlich Schulter an Schulter „Atemlos“, „Oben gute Laune, unten gute Laune“ oder irgendetwas Ähnliches singen, das man eigentlich seit Jahren nicht mehr hören wollte oder brandneu ist … und trotzdem aus vollem Herzen mitsingen kann.
Während auf der Tanzfläche die Party auf Tour geht, beginnt am DJ-Pult ein ganz eigener Betrieb. Faszinierend … Denn auf einer Kohlfahrt gibt es plötzlich erstaunlich viele Musikexperten. Ständig kommt jemand nach vorne, lehnt sich verschwörerisch zum DJ und sagt einen dieser Sätze, die immer gleich beginnen: „Spiel gleich mal dieses Lied, da gehen alle völlig drauf ab.“
Unser DJ nickt dann freundlich und schreibt den Wunsch auf. Ein guter DJ weiß nämlich, dass Musikwünsche ungefähr so behandelt werden wollen wie Gäste: Sie möchten wahrgenommen werden. Ob sie tatsächlich drankommen, ist dann widerum eine andere Geschichte.
Denn ein DJ weiß auch, wann ein Lied funktioniert und wann nicht. Er weiß, wann die Tanzfläche kocht und wann ein falscher Song alles zum Erliegen bringt. Deshalb lässt er manche Wünsche ganz elegant in den Abend hineinlaufen … genau im richtigen Moment. Andere verschwinden irgendwo in der Warteschleife der guten Absichten. Dennoch hat der DJ das gleiche Los wie das Wetter gezogen. Der eine liebt’s, der andere schimpft. Solange das Tanzbein juckt, passt’s.
Dazwischen balancieren wir Servicekräfte unsere Tabletts über die Köpfe der tanzenden Gäste hinweg. Der sicherste Weg über eine Kohlfahrt-Tanzfläche führt nämlich tatsächlich oben entlang. Mit erhobener Hand, das Tablett ungefähr anderthalb Meter über dem eigenen Kopf schwingend schiebt man sich vorsichtig durch die wogende Menge, immer darauf bedacht, dass die sechs Bier und die drei Kurzen darauf nicht anfangen mitzutanzen.
An den Tischen sitzen inzwischen nur noch einzelne Gäste, breit grinsend, als würden sie den Überblick behalten. Die anderen sind auf der Tanzfläche oder an der Theke, wo mittlerweile eine erstaunliche Menge an kurzen Getränken den Besitzer wechselt. Irgendwann beschließt eine Gruppe am Tisch, dass es einfacher ist, seine eigene kleine Bar aufzubauen. Dann kommen die Gedecke: Flaschen, Gläser und gefühlt eimerweise Eiswürfel. Plötzlich schenken sich alle gegenseitig ein, stoßen an, schenken nach und stoßen noch einmal an.
Die Wasserflaschen werden währenddessen so häufig getauscht wie die Tanzpartner auf der Fläche.
Und irgendwo, ganz langsam, beginnt sich hier und da ein Duft im Raum auszubreiten. Ganz vorsichtig. Ganz leise. Ein Duft, der definitiv nicht aus der Küche kommt. Wer schon einmal Grünkohl gegessen hat, weiß: Irgendwann meldet sich das Gemüse noch einmal zurück…
Niemand spricht darüber… Aber alle merken es. Ignorieren es höflich.
Man sieht es an den kurzen Blicken, die sich Menschen zuwerfen, bevor jemand schnell noch einen Korn bestellt und die Musik gefühlt wieder lauter wird.
Und wir Servicekräfte? Halten kurz die Luft an, ignorieren den Geschmack auf der Zunge … hey, es ist Kohlfahrt. Das kennen wir und hoffen, unsere Klimaanlage wird’s wieder richten. Also balancieren wir weiter unsere Tabletts über die Köpfe der tanzenden Gäste hinweg. Denn eines ist sicher: Der Abend hat gerade erst angefangen.
Aber je später der Abend wird, desto … sagen wir mal … interessanter werden die Gäste.
Es gibt die, die erstaunlich lange nüchtern bleiben und das Ganze beobachten, als würden sie im Theater sitzen – auf der Bühne ihrer eigenen Leute.
Und dann gibt es die anderen, die uns Kellner im Laufe des Abends plötzlich ganz besonders gernhaben und ziemlich schnell wissen, wer heute ihre Lieblingskellnerin ist.
Ich lächle dann freundlich, weil ich genau weiß, woran das liegt – nicht an mir, sondern an dem Tablett in meiner Hand.
Darauf steht nämlich das Einzige, was an solchen Abenden wirklich zählt.
Nun…Der Abend biegt mittlerweile auf die Zielgerade ein – nicht, weil die Musik schlechter wird oder weniger getanzt wird, sondern weil plötzlich alle auf die Uhr schauen. Die Pauschale hat nämlich in Kürze ein Ende. Während einige panikartig noch Getränke ordern, andere sich noch einmal auf der Tanzfläche austoben – es herrscht ja jetzt etwas mehr Platz –, bereiten sich wieder andere auf den Abschied vor.
Und dann…Dann geht das Licht an, die Musik verstummt… für einen Moment stehen alle verdutzt da, als hätte jemand heimlich den Stecker aus der Party gezogen. Es wird gesammelt, sortiert, gesucht – Jacken, Taschen, notfalls auch die eigenen Leute.
Und während sich alles Richtung Ausgang schwankend oder beschwingt bewegt, bildet sich eine kleine Gruppe an der Theke. Immer ! Ganz freundlich, ganz vorsichtig, mit diesem Blick, der schon verrät, dass jetzt gleich noch ein letzter Getränke-Bestellversuch gestartet wird. Jedesmal … bei jeder Kohlfahrt. Nach dem Motto: „Einer geht doch bestimmt noch.“
„Kannst du nochmal eben ’n paar Bier machen?“ … unschuldiger Bettelblick inklusive …
Ich lächle. Echt jetzt?
Innerlich frage ich mich in diesen Momenten, ob einige jetzt ernsthaft noch eine Anschlussparty starten wollen – halt im kleinen Kreis … an der Theke … quasi das Bällebad für Erwachsene, wo keiner draus abgeholt werden möchte.
Und wir sind dann die, die sagen müssen:
So, Kinder … jetzt ist wirklich Schluss.
Für euch.
Denn nun beginnt für uns Servicekräfte der dritte Teil einer Kohlfahrt. Quasi unsere Verlängerung … hinter den Kulissen.
Der Zug hatte keine Bremsen.