
Wochenende… man könnte meinen, Entspannung und Erholung sind in greifbarer Nähe. War die Woche doch turbulent genug und die freie Zeit mehr als verdient. Wer kennt sie nicht… die Vorfreude… die Aussicht auf arbeitsfreie Zeit. Naja, wenn man nicht gerade eine Jobwahl getätigt hat, die Schichten am Wochenende erfordern. Ich gehöre ja auch dazu… freiwillig und gerne. Die einen bevorzugen Ruhe, andere brauchen Aktion, einige wollen Gesellschaft… wie auch immer.
Ich bin ja die Kandidatin für alles ein bisschen. Aber heute war Telefonieren und Schreiben angesagt.
Das Glas Wein steht, die Couch ausgerüstet mit Kissen und Kuscheldecken, das Handy bereit für alle Schandtaten… und ich… ich lümmel mich hin und greife startklar nach dem Gerät… Nur dass mein Handy nicht startklar ist. 3 % Akku… Verflixt, aber hey… kein Problem. Dann pule ich mich halt nochmal aus meiner bequemen Position und werde einfach mein Ladekabel holen. Wo war es nochmal? Mein Blick wandert durchs Wohnzimmer… nö, nichts zu sehen. Ok, dann ab in die Küche. Bester Ort an der langen Steckdosenleiste… immer griffbereit… hm… auch nur gähnende Leere, bis auf Toaster, Mikrowelle und Kaffeemaschine… deren Kabel stecken fest in den Steckdosen. Naja, die schleppe ich ja normalerweise auch nicht unbedingt durch die Gegend. Ach ja… bestimmt noch im Schlafzimmer, fällt mir ein. Mein Handy ist ja ebenfalls ein Wecker… verdammt, also erstmal quer durch die Wohnung… Tür geöffnet, Blick direkt zum Nachttisch. Aber nix.
Ich schwöre, gestern lag es genau hier. Ich weiß das ganz genau – glaube ich. Direkt neben dem Bett, ordentlich aufgerollt, bereit für seinen nächsten Einsatz. Und jetzt? Verschwunden. Spurlos.
Ich starre auf die leere Steckdose, als würde sie mich verhöhnen.
Langsam beschleicht mich der Verdacht, dass mein Ladekabel ein Eigenleben führt. Eines, das sich total für Versteckspiele begeistert.
Und ich bin jedes Mal die Dumme, die nicht kapiert, dass die Runde längst begonnen hat.
Ich knie mich also hin, schaue unters Bett… kein Kabel.
Neben dem Nachttisch? Nichts außer drei Haargummis und einer leeren Taschentuchpackung vom letzten Schnupfen.
Ich seufze. Das kann kein Zufall mehr sein.
Erst neulich hatte ich das USB-Kabel meiner Bluetooth-Box gesucht und gefunden. In der Küchenschublade. Neben einem Teelicht und einem Kugelschreiber, der nicht mehr schreibt.
Vielleicht… aber nur vielleicht… steckt da ein System dahinter.
Eine geheime Kabelgemeinschaft, die beschlossen hat, dass es reicht.
Zu viele Jahre des Zusammenrollens, Verhedderns und ständigen Umsteckens.
Wahrscheinlich treffen sie sich nachts irgendwo zwischen Mehrfachsteckdose und Router, um abzusprechen, wer wann wo verschwindet.
Die Erklärung würde mich entlasten, von meiner eigenen Unfähigkeit, einen einzigen Platz auszuwählen, wo es immer, aber auch immer liegen wird zum Aufladen. Aber nein, ich veranstalte ja selber diesen Wanderzirkus.
Meine Suche eskaliert inzwischen zu einer Gesamttour durch alle Zimmer, alle Schränke, Schubladen, Taschen und Tüten. Zwischendurch landet mein Blick wehmütig bei der Couch und dem Glas Wein… der inzwischen bestimmt schon lauwarm geworden ist. Mein Handy hat mittlerweile aufgegeben und liegt mit schwarzem Display energielos auf dem Couchtisch. Ich gebe auch auf… dann wird’s heute mal ein Buch zum Entspannen. Besiegt und resigniert hole ich mir neuen kalten Wein aus dem Kühlschrank… greife zur Flasche und… sehe, klein, weiß und aufgerollt… mein Ladekabel… im Gemüsefach… zwischen Paprika und Gurke…
Chapeau… bestes Versteck ever.
Es musste morgens die perfekte Gelegenheit gewesen sein, sich unter meinen Einkauf zu mischen beim Verräumen… oh Mann… Ich bin scheinbar wirklich einfach reif fürs Wochenende…
Und…beim nächsten Versteckspiel wird auch der Mülleimer abgecheckt – man weiß ja nie…