Kohlfahrt – erst frieren, dann eskalieren

In Norddeutschland beginnt gerade unsere Grünkohlsaison. Übersetzt heißt es: Kohlfahrtzeit. So eine Kohlfahrt ist hierzulande keine Laune. Sie ist kulturelle Selbstverteidigung gegen Kälte, Dunkelheit und Vernunft. Wer das nicht kennt, dem sei gesagt, dass eine lange Tradition in unseren Gefilden von Oldenburg und umzu besagt: Gehe zu frostigen Zeiten vor die Tür. Eingepackt in wollene Jacken, umschlungen von einem flauschigen Schal, bedeckt mit einer Mütze, ob Pudelmütze – mit oder ohne Bommel, egal – Hauptsache lauschig warme Ohren …

und das Schuhwerk so ausgewählt, dass ein bummeliger Spaziergang durch Moor, über Wiesen und durch andere Nebenstraßen durchaus erträglich bleibt … Fokus auf Wärme und Bequemlichkeit für mindestens drei Stunden. Der Überlebenswille sollte ungetrübt sein, denn es geht um Bewegung an der frischen Luft. Dazu Hochprozentiges als Wärmeschutz von innen. Das Ziel: ein Gasthaus, das Grünkohl serviert. Wie jedes Jahr auch bei uns im Restaurant. Für uns Gastronomen ist das kein normales Essen. Das ist: ein logistischer Kraftakt, eine Großoffensive, ein gesellschaftliches Ereignis mit Nachschlaggarantie.

Wer glaubt, dass es sich bei einer Kohlfahrt um eine Fahrt in irgendeinem fahrenden Vehikel handelt, der wird überrascht sein … denn lediglich ein handelsüblicher Bollerwagen, der mehr Alkohol als Verantwortung trägt, ist das einzige Gefährt auf vier Rädern dabei. Gnade übrigens demjenigen, der den Griff zum Ziehen in die Hand gedrückt bekommt, denn Ablösung kann man auf solch einer „Fahrt“ manchmal nur erzwingen, indem man sich in einem Pausenmoment heimlich in die letzte Reihe stiehlt. Das Ding mit dem „Treibstoff“ muss ja mit. Also irgendwer anders wird sich erbarmen.

In der Regel ist ein herkömmlicher Bollerwagen dann umgewandelt in ein Getränkelager auf Rädern jeglicher unterschiedlicher Spirituosen. Von Schnaps über Bier zu Sekt. Manchmal … in einer kleinen Ecke versteckt, findet man auch Mineralwasser oder ein anderes alkoholfreies Brausegetränk, aber generell darf das meiste die eine oder andere „Umdrehung“ haben. Hey … es ist Kohlfahrt. Kurz gesagt: erst frieren, dann trinken, dann essen, dann noch mehr trinken. Ein offizieller Anlass, damit man guten Gewissens eskalieren darf. Die Nordlichter kennen es nicht anders. War schon immer so, is so – muss so!

Da geht es nun also hin. Zum Treffpunkt geselliger, trink- und wanderfröhlicher Gruppen. Die Anzahl der Teilnehmer kann durchaus variieren. So hat man schon die kleinste Gruppe von zwei Menschen entdeckt, wobei die Anzahl meist jedoch zwischen 10 bis 20 schwankt … später wortwörtlich. Ob Freundeskreis, Nachbarschaftsgeklüngel oder als getarnter Betriebsausflug: Alle Gruppen, die sich vorher kaum kennen und sich hinterher vertraut umarmen, vereint das gemeinsame Ziel, ein paar gesellige Stunden miteinander zu verbringen … unterwegs bei bekloppten Spielen, deren Regeln keiner mehr genau kennt und bei denen sich alle mit Schnaps als Motivation bei jeder sich bietenden Gelegenheit fröhlich zuprosten.

Dann das Ankommen in der Gaststätte … natürlich lauschig warm im Innenraum. Wer sich bis hierhin draußen in der Kälte wacker geschlagen hat, womöglich noch fest auf beiden Beinen steht, läuft Gefahr, in diesem Moment die letzte Keule zu bekommen. Wissenschaftlich belegter Effekt, wenn Wärme auf Kälte trifft, besonders wenn sich vorher ein eingefrorener Promillepegel aufgebaut hat. Dieser scheint in dem Moment schlagartig zu schmelzen und ergießt sich durch den gesamten Körper. Plötzlich mutiert der schüchternste Partymuffel zur Rampensau und sprengt die noch nicht geöffnete Tanzfläche zu noch leiser Hintergrundmusik. Egaaaal … Es ist Kohlfahrt!

Servicekräfte, Thekenpersonal und DJ beobachten den hereinströmenden Fluss von Gästen und deren Sortiererei an den reservierten Tischen. Irgendwie findet jeder einen Platz, und dann mutieren wir Servicekräfte zu Hochleistungssportlern … Der Weg zu den Gästen: ein individuell kreierter Hindernisparcours. Zwischen Jackenbergen, verrückten Stühlen, lautstarken Wiedersehensfreuden und plötzlich auftauchenden Ellenbogen balancieren wir Tablett für Tablett … gefüllt bis zum Rand … mit Gläsern … viele … volle … rutschige … Wir lächeln dabei wie Zirkusartisten, die genau wissen: Ein falscher Schritt, ein falscher Schwung und die Nummer wird nass.

Im Hintergrund läuft währenddessen die Küche auf Hochtouren. Auch hier herrscht Grüppchenbildung … für Außenstehende wirkt es wie unkontrolliertes Chaos, für uns ist es fein säuberlich organisierter Wahnsinn. Jede Gruppe hat ihren Auftrag. Keine Diskussionen. Keine Fragen. Nur Bewegung. Die einen befüllen im Akkord die Suppenterrinen. Die Nächsten schnappen sich im Minutentakt Behälter mit Grünkohl, Kasseler, Pinkel und Kochwurst und schleppen sie Richtung Buffet, als ginge es um die letzte Versorgungslinie im Winter. Stück für Stück füllen sich die Warmhaltechafis. Senf wird nachgelegt, Kartoffeln aufgefüllt, Bratkartoffeln ergänzt. Alles greift ineinander wie Zahnräder … erstaunlich, dass sich dabei niemand über den Haufen rennt. Allein das ist schon eine eigene Disziplin. Parallel dazu formiert sich die Dessert-Fraktion. Schalen werden vorbereitet, Portionen eingeteilt, letzte Absprachen laufen mit Blicken statt Worten. Jeder weiß genau, was er tut … und vor allem, was er besser nicht tut. Und dann ertönt er. Der Ruf: „Suppe kann!“ Zack. Positionswechsel. Jetzt sind wir Servicekräfte gefordert. Statt kalter Getränke balancieren wir plötzlich heiße Suppe durch den Saal. Und kaum setzt sich die erste Suppenterrine in Bewegung, brandet es los: Gegröle, Applaus, Pfeifen. Der Einzug der Suppenpolonäse wird gefeiert, als hätte man soeben den Hauptact des Abends angekündigt. Dank an den DJ an dieser Stelle, der diese Zeremonie mit aufgedrehter, beatreicher Musik zusätzlich anfeuert. Manchmal frage ich mich ernsthaft, ob bei diesen Menschen zu Hause auch die Leberwurststulle zum Abendbrot mit Applaus und Jubel begrüßt wird. Wer weiß. Aber gut – es ist ja Kooohlfahrt.

Dann wird es richtig spannend … das Kohlbüfett wird eröffnet. Ab diesem Moment gelten andere Gesetze. Plötzlich stehen Menschen vor dem Büfett, als hätten sie seit Tagen nichts Warmes gesehen … ähm, eben erst die Suppe?! Okay, das war wohl der Nebenschauplatz. Nun werden Teller … heiße, sehr heiße, trotzdem gehalten, denn Aufgeben kommt nicht infrage. Schließlich ist man kurz vorm Ziel. Und da lassen sich unterschiedliche klassische Kohlfahrt-Büfett-Typen erkennen. Immer!

Der Architekt Er baut. Langsam. Bedacht. Er stapelt Grünkohl, Fleisch und Kartoffeln so, dass der Teller eher an ein Bauprojekt erinnert als an ein Abendessen. Man hat kurz Sorge um die Statik. Ein Schaschlikspieß wäre hier eigentlich Pflicht. Er tritt erst vom Büfett zurück, wenn kein Millimeter Rand mehr zu sehen ist.

Der Sicher-ist-sicher-Typ Er hat Angst, zu kurz zu kommen. Immer. Nachservice? Ja, theoretisch. Aber man weiß ja nie. Also wird der Teller von Anfang an vollgepackt, als gäbe es kein Morgen. Der zweite Teller folgt vorsorglich gleich hinterher. Für später. Oder für den Notfall.

Der Zwei-Teller-Mensch Er schnappt sich zwei Teller gleichzeitig. Großer Plan. Große Idee. Blöd nur, dass man mit beiden Händen weder Besteck greifen noch Senf nehmen kann. Er steht dann da, etwas hilflos, mit voll beladenen Tellern – und bittet Fremde um Hilfe. Zusammenhalt entsteht.

Der Entdecker Er bleibt stehen. Sehr lange. Er scannt das Büfett mehrfach von links nach rechts. Fragt sich, ob er schon alles gesehen hat. Ob da hinten vielleicht noch etwas kommt. Er ist der Letzte in der Schlange – und der Erste, der fragt: „Was gibt’s denn alles?“ Haaaallo? Grünkohl. Was sonst. Es ist Kohlfahrt.

Der Geduldige Er wartet. Er lächelt. Er lässt alle vor. Bis er irgendwann merkt, dass sich hinter ihm bereits eine neue Schlange gebildet hat. Dann ist es zu spät. Er bleibt geduldig. Aus Prinzip. Und aus Erschöpfung.

Der Wartegetränk-Profi Er geht nie ohne Glas zum Büfett. Man könnte ja warten müssen. Und warten mit leerem Glas ist bei einer Kohlfahrt keine Option. Er balanciert Teller und Getränk gleichzeitig – Fortgeschrittenenlevel.

Der Abend schreitet voran. Das Dessert ist abgeräumt, die Getränke werden inzwischen im Takt nachgeliefert – fast wie am Laufband. Niemand zählt mehr mit, alle vertrauen darauf, dass es schon richtig sein wird. Jetzt betritt der DJ endgültig die Bühne. Große Stunde. Große Musik. Große Ankündigung. Denn nun hat auch das neu erkorene Königspaar seinen Auftritt. Kohlkönigspaar – das klingt huldvoll, ehrenhaft, fast majestätisch. In Wahrheit bedeutet es lediglich: Ihr seid nächstes Jahr dran. Mit Organisation. Mit Planung. Mit Verantwortung. Dieses Amt wird übrigens nicht freiwillig übernommen. Es wird vorher sorgfältig ausgeklügelt, taktisch vorbereitet und im richtigen Moment elegant zugeschoben. Wer jetzt noch überrascht guckt, hat die letzten Monate schlecht aufgepasst. Wieder gibt es Applaus und Jubel. Krone auf. Pflicht übernommen.

Und während das Königspaar beim Eröffnungstanz lächelnd über die Tanzfläche schwingt, wissen alle anderen: Geschafft. Für dieses Jahr. Ab jetzt geht es auch für alle anderen Kohlfahrer auf die Tanzfläche … Kohlfahrt Teil II – die eigentliche Party kann beginnen …