Flohmarkt- oder wie hüte ich Flöhe?

Es ist wieder soweit.

Flohmarktzeit bei uns im Restaurant. Oder, wie ich es nenne: Das geordnete Chaos in Tüten, Kleiderstangen und Klappkisten. Ich bin die Organisatorin. Klingt souverän, oder?In Wahrheit heißt das ab der Terminbekanntmachung aber: Ich jongliere mit Stellplänen, Namen, E-Mail-Anmeldungen und Fragen wie:

„Kann ich zwei Meter mehr haben, wenn ich eine Freundin mitbringe?“

„Ich hab nur ganz wenig Sachen – aber drei Kleiderständer, zählt das trotzdem als ein Tisch?“

Natürlich lächle ich. Ich lächle IMMER. Weil das irgendwie dazugehört, wenn man versucht, einen Frauenkleiderflohmarkt zu organisieren, ohne die Nerven zu verlieren. Tage und Wochen vorher sitze ich mit Lineal, Kaffee und Keks bewaffnet über dem Stellplan. Gefühlt studiere ich Raumfahrt – nur eben mit Tischen statt Satelliten.

Jede will am liebsten einen Platz in der Mitte, am Fenster oder da, wo viele vorbeilaufen, aber bitte nicht in Zugluft und gerne neben den beiden Mädels vom letzten Jahr -die waren so nett.

Alles klar. Kein Problem. Ich zaubere. (Also, innerlich weine ich kurz, aber das sieht ja keiner.)

Dann kommt der große Tag. Ich bin früh da. Viel zu früh. Der erste Gedanke: Warum tu ich mir das jedes Jahr wieder an? Der zweite: Ach stimmt – weil’s eigentlich schön ist.

Dann rollt die ersten Standbesitzerinnen an: Frauen mit Wäschekörben, Rollwagen, Ikea-Taschen in XL und Kleiderstangen, die aussehen, als hätten sie vor, ein Modehaus zu eröffnen. Einige tragen mehr Kleidung als ein durchschnittlicher Schrank fassen kann. Und alle haben nur einen Tisch gebucht naja…und einen klitzekleinen Platz für die Kleiderstange…in Überlänge… Natürlich.

„Wo ist mein Platz?“ – „Ich hatte doch gesagt, ich will im Saal stehen“ – „Kann ich lieber hier stehen? Da ist das Licht besser!“ Ich lächle wieder.

Innerlich würfle ich die Plätze neu, aber keine Chance. Alles ist haarklein durchgeplant. Schließlich bin ich Tage zuvor auf Knien durch sämtliche Räume gerobbt, den Zollstock zwischen den Knien, den Notizblock im Mund, um jeden Zentimeter passend für meine Schäfchen auszunutzen. Meine Knie zucken bei dem Gedanken an die leicht schmerzhafte Rutschpartie – kurz erschrocken nochmal zusammen. 

Nein, tut mir leid, lautet die ernüchternde Antwort….Und es tut mir wirklich leid. 

Aber kaum stehen die ersten Stände, beginnt das große Gerücke. Da ein Tisch zu weit links, dort zu nah an der Wand, hier fehlt ein Durchgang… Ich laufe, schiebe, erkläre, beruhige, motiviere.  Zwischendurch verteile ich Kaffee, checke wackelige Tische, hole Stühle,  rede mit Verkäuferinnen, die „nur kurz“ eine Frage haben, mich aber länger einspannen als angekündigt.  Herrje…lach…“Ja ich komme sofort rüber“. Zwei Frauen winken aufgeregt in meine Richtung.  

Dann öffnet die Tür – und der Besucherstrom flutet herein.Es raschelt, es wuselt, es ruft: „Was kostet der Pullover?“ Und ich stehe mittendrin, mit meinem Stellplan, lächle tapfer und denke: So fühlt sich wahrscheinlich ein Flohzirkus – Direktor an. Jede Verkäuferin ein eigener kleiner Floh – quirlig, redselig, energiegeladen – und ich darf aufpassen, dass keiner vom Platz springt.

Trotz allem: Es läuft. Irgendwie. Zwischen Tüten, Taschen und Tüllröcken liegt ein Hauch von Gemeinschaft, von „Wir schaffen das“. Und wenn am Ende des Tages alle müde, zufrieden und um ein paar Kleidungsstücke ärmer (und einigen Euro-Scheinchen reicher) nach Hause gehen –dann bin ich’s auch.

Müde.

Zufrieden.

Und fest entschlossen: Nächstes Jahr nie wieder.

…bis mich jemand im Frühjahr fragt:

„Sag mal, du organisierst bestimmt doch wieder den Frauenkleider Flohmarkt, oder?“ Und ich? Ich breche innerlich zusammen und sage: „Na klar!“

…lächelnd…mit ehrlicher Freude und heimlicher Panik.