- Der Zug hat keine Bremsen

Wow… der Saal ist leer.
So leer, dass es sich fast laut anfühlt.
Die Musik ist aus, der DJ hat längst abgebaut, das Licht steht auf volle Helligkeit – und von den Gästen ist nichts mehr übrig. Nur das Chaos, das sie hinterlassen haben. Ein Heuschreckenschwarm könnte kein deutlicheres Bild der Verwüstung hinterlassen. Gleichzeitig riecht es noch nach Bier, nach Grünkohl und nach dieser schweren, verbrauchten Luft, die entsteht,
wenn zu viele tanzwütige Menschen gleichzeitig ausgelassen feiern.
Luft… Ich brauche erst mal Luft. Und ehrlich gesagt auch einen Schnaps. Wir alle. “ Was war das heute bitte?“
Die Frage lautet dabei eher:
Zur Beruhigung?
Zur Entspannung?
Zur Verdrängung?
Oder schlicht zur Motivation?
Wir gucken uns am Tresen erschöpft festhängend an. …den kann man übrigens vor lauter leeren Gläsern fast nicht mehr sehen. Gnade gleich unserem Glasgeschirrspüler. Das wird sein marathonischer Auftritt des heutigen Abend sein. Willkommen im Team.. Armes Ding.
Ein stilles „prost“…ein letzter gemeinsamer Schnaufer aller uns überlebenden Servicekräfte und los geht’s. Das Endziel: den Saal wieder in einen Zustand bringen, bei dem morgen niemand auch nur ansatzweise erahnt, was der Boden hier heute erlebt hat und die Tische getragen haben.
Ich laufe mit leerem Tablett los…ohne Zickzack Kurs wie vor zwei Stunden noch halsbrecherisch durch die tanzende Menge. Irgendwie grad ungewohnt. …Und komme an… an dem Tisch, der am Anfang dachte: „bevor es eng wird bestellen wir doch einfach mal 20 Bier. Sicher ist sicher.“ …obwohl dort bereits Biere standen… volle, halbvolle…mit und ohne Schaumkrone. Während ich die Zahl „20“ auf den Bon schreibe, sah ich innerlich nur noch Gelb. Die Theke verschwamm zu einem einzigen Bierpanorama. Die Gläserregale leerten sich im Zeitraffer. Und ich merkte: Ich kann nichts abräumen.
Weil nichts leer war. Ich erinnere mich… das war der Moment als der Zug Fahrt aufnahm. Genau der Zug, der den ganzen Abend keine Bremsen mehr hatte und mich…wobei… uns alle diesmal mit voller Wucht und ohne Zwischenstopp überrollt hatte. So eine Kohlfahrt entwickelt meist eine Eigendynamik. Diese hier allerdings besonders.
Mindestens an zwei Tischen schienen die Gläser ein Eigenleben zu führen und wie von selbst umzufallen. Einfach so… Dabei die noch besonders gut gefüllten…und das gleich zu Beginn… nasse Ellenbogen garantiert … in der Tischdecke steckten mindestens zwei volle Ersatzgetränke – nur eben als Mixgetränke… wenn man die pitschepatsche nassen Decken einfach mal auswringen würde. Denke ich, während ich nun diese inzwischen angetrockneten Tischdecken-Kunstwerke zusammenraffe – die sich meist beim Essen ganz von selbst mit über den Tellerrand geschobenem Grünkohl weiter verzieren, kreativ gewollt oder auch völlig unbemerkt…
Die Aufräumarbeiten gehen weiter… Ach guck… dieser Tisch…das war mein Wüstentisch…hier herrschte ständiger Wassermangel wie in der Wüste Gobi in der Sahara… Ich glaube, ich habe mindestens zwei Kisten hierhin geschleppt – nur war es jedesmal ein einzelner Flaschengang. Kaum umgedreht, zack Flasche leer. Im Minutentakt. Also wieder neu bringen. Hätte ich das vorher gewusst, hätte ich gleich zwei Kisten unterm Tisch deponiert…aber so ein Abend entwickelt sich ja erst.
Oha…jetzt räume ich am nächsten Tisch leere Gläser ab und sehe… zerfledderte Getränkekarten. Na, nun wundert mich nichts mehr. Dieser Tisch war heute Abend nämlich mein ganz persönlicher Exklusivtisch.
Die Getränkekarte lagen von Anfang an direkt vor den Gästen, wirklich so präsent, dass man sie eigentlich gar nicht übersehen konnte. Und trotzdem wurde ich erstmal gefragt, was es denn alles gibt. Ich zeige drauf, ganz freundlich, ganz routiniert – da steht alles.
Und dann geht es los. Nicht mit dem, was draufsteht, sondern mit allem, was fehlt.
Ob wir auch Ramazzotti mit Eis und Zitrone hätten.
Oder den Botanist Islay Dry Gin (aus Schottland) mit Gurkenscheibchen
Oder welchen Weinbrand wir als Korn- Cola Mische im Programm hätten…
Ich stehe daneben, nicke mich durch jede einzelne Anfrage, hibbel bereits von einem Bein aufs andere, denn ich spüre bereits die fordernden Blicke anderer durstiger Gäste im Rücken… während hier gerade einmal entspannt quer durch das Sortiment gefragt wird. Klar haben wir alles – verflixt, aber es ist halt gebuchte Kohlfahrtpauschale ohne linksgedrehten Nussler Schaumkronen Obstbrand als “ Kurzer“.
Nun…wir Servicekräfte stehen immer mittendrin und versuchen, das System am Laufen zu halten. bestellen… einschenken…rausbringen… ein Tanz. Eigentlich kennen wir das. eigentlich…wenn Gäste unseren Tanz mittanzen…
Während ich da so von Tisch zu Tisch gehe, Gläser einsammle, Tischdecken zusammenraffe und die letzten Spuren dieses Abends beseitige, wird mir langsam klar: Das war heute hier nicht ein Tisch. Nicht zwei. Nicht drei.
Das war der ganze Abend.
Jeder für sich im eigenen Partytunnel, im eigenen Tempo, im eigenen Durst – und wir mittendrin, irgendwo zwischen Überblick behalten und einfach nur hinterherkommen.
Und genau da ist er wieder, dieser Gedanke: Der Zug. Der Zug…der Zug hat keine Bremsen…. Der ist heute einfach durchgerauscht, ohne Rücksicht, ohne Pause – und hat uns alle mitgenommen.
Und jetzt steht er still.
Der Saal ist leer. und ich…ich bin noch voller Bilder der wirbeligen bunten Gemeinschaft… (verdammt an Tisch 4 habe ich um 21:38 die Cola vergessen)… ja…wir stecken halt bis zum Schluss im Servicemodus… auch mal mit Verspätung…
Und morgen? Morgen bitte erst mal keinen Zug…Oder zumindest nur einen gediegenen Bummelzug…